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Nothilfe 3

3. Afghanistan-Nothilfe der Deutsch-Afghanischen-Initiative e.V.
(07.2002 – 08.2002)

Wir studieren die Karte. Wo ist das? Hasarajat? Wir möchten wissen, wo unsere geplante Nothilfe am nötigsten ist.


Wir erschrecken. Hasarajat ist ein riesiges Bergland, das sich über 5 Provinzen erstreckt, schwer zugänglich zum größten Teil. Die Straßen sind vermutlich schlecht, wenn überhaupt welche da sind. Bamian gehört dazu, berühmt wegen der von den Taliban barbarisch zerstörten Buddhastatuen.


Wir beginnen, Erkundigungen einzuziehen. Jeder sagt etwas anderes. In Jaghuri und Malestan sei es am schlimmsten, sagen die einen. Nein, im Gebiet um Nawor, die anderen. Geht nach Bisud,. dort war noch niemand, empfehlen die dritten.


Unser Mitglied Mehdi fährt voraus und versucht, in einwöchiger Erkundungstour vor Ort etwas von der Situation zu erschließen. Danach steht fest: wir fahren mit unserer von Caritas international finanzierten Nothilfe nach Bisud I und II, abgelegen und doch nicht zu weit von Kabul, zeitlich und von den Transportkosten her zu bewältigen. Bisud ist ein Gebiet, das unter größter Not leidet, weil seit Jahren Trockenheit herrscht, die nicht einmal die sowieso karge Ernte ermöglicht.


Intensive Erkundungen ergeben, dass nur ein Einkauf in Kabul in Frage kommt. Alle Waren sind vorrätig, der Markt wird durch unseren Großeinkauf nicht beeinflußt, die Transportkosten bleiben in vertretbaren Grenzen. Sie sind es neben einem gewissen Unsicherheitsfaktor, die einen erwogenen Einkauf im Iran unzweckmäßig erscheinen lassen. Später stellt sich freilich tatsächlich heraus, dass wir den Markt in Milchpulver entscheidend beeinflußt haben. Ein Händler versucht sogar, an unseren Verteilerplätzen Milchpulver zurückzukaufen. Vergeblich! Die Menschen wissen, was sie da erhalten haben.


Nasir fährt eine Woche vor uns anderen, verhandelt mit Kaufleuten, vergleicht Preise. Und hat Erfolg. Für das bewilligte Geld – unser Budget beträgt insgesamt 160 000 Euro – erhalten wir weit mehr Lebensmittel als erwartet und im Iran möglich gewesen wäre.


Am Ende beläuft sich unser Einkauf auf 225 t Mehl, 90 t Reis, 60 t Linsen, je 15 t Speiseöl, Zucker, Milchpulver und 3 t Tee sowie ca. 3 t Seife. Das Programm vermeidet die übliche Einseitigkeit und bietet eine gewisse Ausgewogenheit, wie uns ein Arzt bestätigt.


Die Mengen werden in Einheiten eingeteilt bzw. verpackt. Das bedeutet viel Tag- und Nachtarbeit, die aber das Verteilen sehr erleichtert. Eine Einheit umfaßt 75 kg Mehl, 30 kg Reis, 1 Sack Mix mit 20 kg Linsen, je 5 kg Öl, Zucker und Milchpulver, 1 kg Tee und 5 Stück Seife. Das erweist sich als praktisch, wird aber bald durch die Verteilungsnotwendigkeiten erheblich modifiziert. Ein Vertrauensmann, Hadi Sheer, ein Kaufmann  mit altafghanischer Gesinnung und strengen Maßstäben, überwacht Verpackung, Wiegen, Laden. Er kommt seiner Aufgabe mit geradezu preußischer Strenge nach.


Die Waren kommen in 3 Schüben zu je 1000 Einheiten, also 142 t an vorher festgelegte Bestimmungsorte, von wo aus die Einzelverteilung an weiteren Plätzen organisiert wird. Bis zum Bestimmungsort wird ein Festpreis vereinbart, danach ist alles Verhandlungssache mit den Fahrern. Das bedeutet ein stundenlanges Palaver und unendliches Feilschvergnügen, wie sich später zeigt. Aber Nasir ist dabei in seinem ureigensten Element. Und Peter lernt Geduld.


Für die eigentliche Verteilung arbeiten wir mit der Shura des Hasarajat zusammen, die Listen der Bedürftigsten besitzt oder durch vorausgesandte Mitglieder erstellen läßt. Der Vorsitzende des Gebiets Safteri ist uns ständig ein oder zwei Tage voraus mit seinen Leuten. In Besprechungen treffen wir immer wieder zusammen.


An 13 verschiedenen Plätzen wird verteilt. Das Einheitenmodell muß variiert werden, als sich herausstellt, dass die Anzahl der betroffenen Personen erheblich größer ist als erwartet. 50 kg-Mehlportionen werden abgetrennt, später wird auch nur Reis oder Mix abgegeben.


Die Zahl der durch eine Einheit Begünstigten steigt im Lauf der Verteilung von anfänglich 10-12 Personen auf 16-18.


In den abgelegensten Gebieten haben die Menschen 4-6 Stunden Weg zum Verteilerplatz. Verständlicherweise erscheinen kaum Frauen und Kinder. Die Leute wohnen hier wie so oft im Gebirge – wir befinden uns schließlich fast immer auf Höhen über 3000 m – in kleinen Weilern oder Einzelgehöften. Unsere Verteilung erfolgt stets an Witwen, Gebrechliche, Behinderte. Ein ausgeklügeltes System stellt im Rahmen des Möglichen durch gegenseitige Kontrolle die nie ganz erreichbare Gerechtigkeit her. Am Ende versuchen wir auch immer noch Sonderfällen gerecht zu werden.


Überall werden auch die Lehrer mitbedacht. Denn überall wird Schule gehalten, ohne dass die Lehrer irgendetwas für ihre Tätigkeit erhalten. Die Dörfer unterhalten sie irgendwie. Aber der Bildungswille ist allenthalben so stark, dass jede räumliche oder finanzielle Bedingung in Kauf genommen wird, wenn nur Unterricht stattfinden kann.
Die Hochgebirgsregion, in der wir uns befinden, ist schön, reizvoll für Bergliebhaber und Wanderer. Aber die gibt es hier noch nicht. Die Staßen sind schlecht, steinig oder voll mit feinstem Staub, in dem die Fahrzeuge schnell stecken bleiben. Eigentliche Dörfer befinden sich nur im Tal, wo dank Bächen oder des Helmandflusses die landwirtschaftliche Situation auch etwas günstiger ist. In der Höhe sieht man viele Schafe und Ziegen, selten Kühe. Die dürftigen Getreidefelder bringen wenig Ertrag. Wasserreservoirs und Rückhaltebecken gibt es nicht. Alte Bewässerungsanlagen sind oft verfallen, führen selten Wasser. Die vier Jahre anhaltende Trockenheit zeigt deutlich ihre Wirkung.


In den am weitesten abgelegenen Gebieten von Band-e Shuy, Qaum Dechan und Hascht Deracht sind wir die ersten, die etwas bringen. Wenn wir das Doppelte brächten, wäre es immer noch nicht genug.


Überall werden wir freundlich und herzlich empfangen, oft auch eingeladen. Andere als gelegentliche organisatorische Schwierigkeiten gibt es nicht. Eine Ausnahme soll allerdings nicht unerwähnt bleiben. Der Bürgermeister von Siasang/Bisud I versucht, alles in seine Verteilungsgewalt zu bekommen. Er wisse am besten, wer was erhalten müsse. Das sei immer so gewesen.  Als wir uns entschieden weigern und auf unseren an der Bedürftigkeit orientierten Prinzipien bestehen, beschimpft er uns, erscheint zu einem Gespräch mit Nasser mit Bewaffneten, was wohl als Drohung zu verstehen ist. Er bedroht unseren Shuramitarbeiter und schlägt ihn sogar mehrfach. Nasser nennt er Al Qaida-Mitglied. Wir brechen die Verteilung ab. Wenige Tage später verteilt Safteri auf Bitten der Bevölkerung, die vehement Klage gegen ihren in der Talibanzeit an führender Stelle beschäftigten Bürgermeister führt, die für Siasang vorgesehenen Güter doch noch. In Kabul beschweren wir uns bei Khalili, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten, dem Innenminister Wardak und dem deutschen Botschafter.

 

Nach 10 Tagen haben wir unsere Arbeit erledigt. 423 t Lebensmittel waren für Zehntausende eine große Hilfe. Genug war es nicht, aber was ist in diesem Land schon genug? Entscheidende  Besserung ist nur durch strukturelle Entwicklungsmaßnahmen möglich. Viel Arbeit wartet, viel Umdenken ist nötig.
 

 

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