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Nothilfe 2

2. Afghanistan-Nothilfe der Deutsch-Afghanischen-Initiative e.V.
(04.2002 – 05.2002)

Für die 1. Afghanistan-Nothilfe (NH1) der Deutsch-Afghanischen Initiative – damals noch ein Arbeitskreis im HAV (Humanitärer Afghanischer Verein) - wurden in Freiburg, aber auch in Rastatt, Stuttgart und Konstanz warme Kleidung, Decken, Schuhe und Geld gesammelt. Um die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung zu mobilisieren, hat die Initiative Falt­blätter mit Informationen über die aktuelle Not­situation der Bevölkerung Afghanistans erstellt, zudem wurden Informationsabende, Konzerte und ein Weihnachts­basar organisiert, deren Erlös der Nothilfe zu Gute kam. Zahlreiche Helfer aus dem Afghanisch-Humani­tä­ren Verein und der Deutschen Friedensinitiative, aber auch Schüler verschiedener Schulen waren mit dem Sortieren, Verpacken und Verladen der Hilfsgüter be­tei­ligt. Hierbei kam Hilfsgut zusammen, mit dem insge­samt fünf 40-Tonner-LKWs gefüllt wurden. Zur Abwick­lung des Projektes wurde mit Caritas international ein Kooperationsvertrag geschlossen, in dem insbeson­dere die finanzielle Abwicklung des Projektes geregelt wurde. Die Mitarbeit der Initiative-Mitglieder war ehren­amtlich, die Reisekosten wurden selbst finanziert. Die Zusammenarbeit in der Initiative stand unter dem Motto "Afghanen und Deutsche helfen gemeinsam": Wir kamen uns in der Arbeit näher, neue Freund­schaften entstanden. Der mancherorts propagierten Kon­fron­tation zwischen Orient und Abendland wird somit Kommunikation und ein Miteinander entgegengesetzt.


Die gesammelten Hilfsgüter wurden in fünf LKWs auf den Weg nach Mashad/Iran gebracht, wohin drei Mit­arbeiter der Initiative, Peter Adler, Masoud Farhatyar und Irenäus Matuschik am 01.12.01 mit dem Flugzeug aufbrachen. In Mashad wurden mit Hilfe iranischer Mittelsmänner mit dem gesammelten Geld weitere Hilfsgüter eingekauft, und zwar:

  • Nahrungsmittel: 20 Tonnen Nudeln, 22 Tonnen Kichererbsen, 40 Tonnen Datteln, 5 Tonnen Speiseöl und Tomatenmark.
  • 2000 mobile Ölöfen
  • 2000 gefütterte Kinderschuhe
  • ein größerer Posten von Schulheften und Schreibzeug
  • zwei Brotbackmaschinen.

 

Außerdem wurden in Mashad die Zollformalitäten er­ledigt und der Weitertransport der im Iran eingekauften Hilfsgüter an die iranisch-afghanische Grenze organi­siert. In Dogharoun, dem afghanischen Grenzposten, musste ein Umladen des Hilfsgutes auf afghanische Last­wägen organisiert werden, mit welchen es nach Herat/Afghanistan transportiert wurde.


In Herat wurde in einer alten, ummauerten Karavanserei ein großer Lagerraum angemietet, der als Maga­zin genutzt wurde - hier wurde das Hilfsgut entladen und neu sortiert, hier wurden konkrete Hilfslieferungen zusammengestellt. Nach Besichtigung der Flüchtlings­lager bei Herat (Maslach mit insgesamt ca. 200.000, Schaidai mit 26.000 Lagerbewohnern und Ghozare mit 989 dort wohnenden Familien) und Rücksprachen mit Mitarbeitern verschiedener Hilfsorganisationen wurde in Herat ein Verteilungskonzept erstellt. Es wurde beschlossen, etwa 45% der Hilfsgut-Gesamtmenge in den Flüchtlingslagern und weitere 45% in einer abge­legenen ländlichen Region, nämlich in der Provinz Badghis zu verteilen, während die verbleibenden 10% der Stadtbevölkerung Herats zugute kommen sollten. Für die Provinz Badghis entscheiden wir uns, weil die Bevölkerung dieser Region durch den 23 Jahre wäh­ren­den Kriegszustand und eine 3 Jahre anhaltende Dürre besonders stark betroffen ist - unter den Bewoh­nern der Lager um Herat sind Flüchtlinge aus der Prov. Badghis deutlich überrepräsentiert. Unser Ziel: der anhaltenden Flucht der ländlichen Bevölkerung aus dieser Region entgegenzuwirken.


Die Flüchtlingslager in der Umgebung Herats bestehen aus Lehmhütten und Zelten, bis zu einem Dutzend Menschen teilen sich hier Innenflächen von 12-15 qm. Die Versorgung der Lagerinsassen mit Nahrung und ihre medizinische Betreuung ist gänzlich unzureichend, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal und ein Schulbesuch ist den Flüchtlingskindern nicht möglich. Immer wieder zeigten uns die Lagerbewohner ihre zerlumpte Kleidung und die erbärmlichen Hütten-Innen­räume und fragten, weshalb ihnen denn niemand hilft. Ihre abgemagerten Körper und ausgemergelten Ge­sich­ter sprachen für sich; zahlreiche Invaliden, zumeist wohl Minenopfer. Als Fluchtgründe wurden immer wieder Bombardierungen und Hunger angegeben.


Um unsere Hilfe effektiv zu gestalten, haben wir - vor der Not der 200.000 Lagerbewohner von Maslach kapitulierend - uns auf die kleineren Lager Schaidai und Ghozare beschränkt. Die Flüchtlinge waren dort regis­triert und es existierte eine Selbstverwaltung, u.a. mit bewaffneten Ordnungskräften. Diese Strukturen haben wir zur Verteilung genutzt, indem ein Verteilungstermin ausgemacht wurde, zu dem sich Ordnungskräfte ein­fanden und Listen aller registrierten Flüchtlinge vor­lagen. Verteilt wurde systematisch an alle Familien. Bei der Verteilung in Schaidai, die sich bis spät abends erstreckte, wurde es kritisch, weil einige Lager­be­woh­ner irgendetwas an sich rissen und damit in die Dunkel­heit davonliefen. Alle entwendeten Güter wurden von den Ordnungskräften unmittelbar zurück gebracht.


Während unseres Aufenthaltes in Herat organisierten wir auch eine Nothilfe für Schaidai, einem Dorf gleichen Namens wie das Flüchtlingslager rund 12 km östlich von Herat. Lebensgrundlage der Dorfbewohner war ein Bewässerungssystem, das den Betrieb eines Parkes mit angegliederter Baumschule und einem Ausflugs­lokal erlaubte, das Restwasser wurde zur Bewässerung einer bescheidenen Landwirtschaft genutzt. Da das Bewässe­rungs­system infolge der drei Jahre anhal­ten­den Dürre trocken gefallen und das Ausflugs­lokal während der Taliban-Herrschaft vollkommen verkom­men war, sahen sich die Dorf­bewohner ihrer Existenz­grundlage beraubt. Auch hier drohte deshalb eine Ab­wanderung der ländlichen Bevölkerung. Wir verteilten Nahrung, Kleidung und Decken und entwarfen ein Projekt, in dessen Rahmen das Bewässerungssystem und das Ausflugslokal saniert werden sollen, um der Dorfbevölkerung wieder eine Einnahmequelle zu ver­schaffen. Da eine Schule fehlt und die Dorfbewohner großes Interesse an einer Schulbildung ihrer Kinder bekundeten, planen wir für ein Zukunftsprojekt zudem eine Schule. Wegen der hier häufigen Waisenkinder soll zudem ein Waisenheim angegliedert werden.


Für die Hilfsgutverteilung in der Provinz Badghis musste wieder LKWs angeheuert werden. Für die Organisation der Hilfsgutverteilung hatte sich uns ein Ingenieur aus Herat, Abdul Quadir, angeschlossen, der die Situation vor Ort gut kennt. Mit insgesamt 6 Zehntonnern robuster russischer Bauart, jeder von ihnen mit Fahrer und Beifahrer, machten wir uns auf den Weg. Die Strecke bis zur Hauptstadt der Provinz Badghis, Quale-e-Now, beträgt zwar lediglich rund 120 km, doch sind die Wege in einem derart schlechten Zustand, dass wir für die Strecke einen ganzen Tag brauchten. Am 2 200 m hoch gelegenen Sabzaq-Passes wurde es abenteuerlich: Die schmale Piste war aufgeweicht, Ausweichmanöver bei Gegenverkehr waren hier lebensgefährlich. In den Dörfern bei Quale-e-Now begann die Hilfsgutverteilung. Nach der Begrüßung und Vorstellung des Projektes wurden in den einzelnen Dörfern mit Hilfe der Dorfältesten Listen der Familien erstellt , die durch die Ortsvorsteher beglaubigt wurden. Die Hilfsgüter wurden dann systematisch an die Familien verteilt, Witwen wurden separat berücksichtigt. U.a. verteilen wir in einem Dorf, welches durch die Taliban wegen Unbotmäßigkeit zuerst beschossen und dann gebrandschatzt wurde. Als wir am 31.Dez.01 bis weit in die Dunkelheit hinein verteilten, kommt es zur einzigen kritischen Situation: Es erscheinen bewaffnete Repräsentanten eines Dorfes, welches ursprünglich gar nicht zur Verteilung vorgesehen war, und fordern Hilfsgut auch für ihr Dorf. Wir hatten grundsätzlich nichts dagegen, doch wollten diese Repräsentanten auf einmal den gesamten Hilfs­gut-Rest. Nach längeren Diskussionen bekamen wir aber auch diese Situation in den Griff: den Be­wohnern dieses Ortes wurde das zugewiesen, was ihnen unserem Verteilungsschlüssel zufolge zustand. Eine Halbe Stunde später feierten wir, unter einem un­glaub­lich schönen Sternenhimmel im Dorf Chorresan, Silvester. In der Provinz Badghis kam unsere Nothilfe den Bewohnern von insgesamt 40 Dörfern zu Gute, ihre Not wurde durch unseren Einsatz zumindest gelindert.


Nach der Rückkehr in Herat bekamen wir am Magazin Besuch von Stadtbewohnern, die Hilfe erbaten und erhielten, zudem organisierten wir eine Nothilfe für Karokh, ein Dorf ca. 15 km östlich von Herat. Am 5. Januar 2002 traten wir früh morgens unsere Rückreise in den Iran an, wo wir am Tag drauf in Teheran unseren Rückflug nach Deutschland starteten.

 

Hier geht die Arbeit weiter. Geplant wurde eine zweite Nothilfe für die Bewohner der Provinz Badghis sowie eine dritte für die Bevölkerung des Hazarajat, zudem das bereits angesprochene Schaidai-Projekt und eine Schule in Charikar, 62 km nördlich von Kabul.
 

 

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