Nomaden-Projekt

Die Nomaden gehören zu den Vergessenen der Geschichte. Lieferten sie einst den Bedarf Afghanistans an Fleisch, Fett und Milchprodukten, so haben die zunehmende Trockenheit und Dürreperioden sowie der Krieg und die politischen Unruhen sie in ihrer Lebensweise sehr stark eingeschränkt.

Nomaden (Kuchi)

Die Rolle der Nomaden in der Wirtschaft Afghanistans spielte immer schon eine große Rolle. Ihre Anzahl wurde im Jahre 2004 von „Afghanistan Information Management Service“ auf 2,5 Mio. geschätzt, die aus 3000 Stämmen bestehen. Das afghanische Statistikamt für Bevölkerungsstand 2018 zählt die Nomadenbevölkerung auf 5 Mio.

Obwohl die meisten Nomaden Paschtunen sind, sind nicht alle Paschtunen Nomaden. Unter den Nomaden in Afghanistan sind auch Belutschen, Tadschiken, Aimak, Araber, Kirgizen, Turkmenen und Usbeken. Dabei werden sie unterteilt in Vollnomaden, Halbnomaden und Sesshafte, von denen die Halbnomaden mehrheitlich im Osten und die Vollnomaden im Süden des Landes leben.

Nomaden wurden von den „United Nations Assistance Mission in Afghanistan“ als eine der größten gefährdeten Gruppen des Landes bezeichnet.

Geschichtlich wird vermutet, dass die Nomaden mit den Persern zusammen in der Zeit zwischen 2100 v. Chr. und 1100 v. Chr. infolge der globalen Erhitzung nach Osten gewandert sind. Sie wurden Gutis genannt. Man geht davon aus, dass das Wort Guti die heutigen Kuchis sind, welche die Dynastie von Kushān gründeten.

Traditionell leben die Nomaden von Tierhaltung. Ihre Einkommensquellen sind An- und Verkauf der Tiere, Bearbeitung der Wolle zu Filz und Garn, Molkereiprodukte wie Joghurt, Buttermilch, Butter, Frischmilch und eine Art Hartkäse, Qurut genannt, sowie Leder, Düngemittel, Frisch- und Trockenfleisch.

Sie waren auch Belieferer der Dorfbewohner mit Tee, Zucker, Getreide und Kerosin aus Buchara. Später kamen noch Gewehre dazu.

Nomaden in Afghanistan haben sich auf die Zucht der Schafe, besonders der „Fettschwanzschafe“, spezialisiert. Auch einige Ziegen werden gezüchtet und auf dem Markt verkauft.

Sie besitzen auch Kamele, Esel und Pferde, die meist als Transportmittel benutzt werden. Nomaden sind die Hauptproduzenten des Hammelfleisches.

Die ökonomische Auswirkung der Nomaden auf die Exportwirtschaft Afghanistans ist sehr groß. Die Produkte der Schafe (Teppiche, lebende Schafe, Wollen, Qarakul Felle, Därme, etc.) machen nach amtlichen Angaben 30 Prozent des Exporteinkommens des Landes aus. Die afghanischen handgeknoteten Teppiche, die auf der ganzen Welt für ihre besonderen Musterformen und glänzende Wolle berühmt sind, werden von den Nomaden hergestellt.

Der Export der Qarakul Felle nach Deutschland über London war eine Schlüsselquelle des Einkommens des Landes. Heute jedoch nicht mehr. Schafdärme zur Herstellung von Wurst war in Europa nicht nur ein weithin bekanntes sondern in hohem Grade auch lukratives Exporteinzelteil.

Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch spielen die Nomaden eine positive Rolle auf das Erhalten des Ökosystems des Landes. Man macht die Nomaden weltweit für das verwüstete und ausgetrocknete Land verantwortlich. Afghanistan liegt im Trockengürtel der Erde, welches sich von Nordafrika bis Zentralasien erstreckt. Man ist immer wieder versucht, die afghanische Verwüstung den Nomaden zuzuschreiben. Das Land ist durch ein extremes Kontinentalklima gekennzeichnet mit einem Tag-Nacht-Gefälle von bis zu 40 Grad und Sommer-Winterextremen von -59 Grad bis +53 Grad. Die geringen und unregelmäßigen Niederschläge erlauben nur 10 % des Landes mit regelmäßigem Ackerbau zu nutzen, der Rest des Landes besteht aus Steppen, Wüsten und Hochgebirge. Nur die Herden der Nomaden haben die Möglichkeit, in diesen Gegenden zu überleben. In den Grenzgebieten zu dem Trockengürtel sind es nicht die Tiere der Nomaden, die alles kahl fressen, sondern die der sesshaften Bauern. Zusätzlich sind sie im Gegensatz zu den Sesshaften verschiedene Tierarten, was dem Grasland die Möglichkeit gibt, sich wieder zu erholen.

Obwohl der ökonomische Nutzen der Nomaden auf die Exportwirtschaft Afghanistans so groß ist, ist die Wichtigkeit häufig unerkannt. Es gibt immer wieder Versuche auf Seiten der Regierung, die Nomaden sesshaft zu machen

Wenngleich die Nomaden in Afghanistan auf der einen Seite bei dem Wiederaufbau des Landes vollkommen vernachlässigt wurden, ist ihnen doch in der Verfassung -Artikel 14- besonderer Schutz und Mitspracherecht zugesprochen worden. Dies beinhaltet auch ihnen Weideland zuzusprechen, und dass sie den Zugang zur Bildung haben.

Ein Grund ist vielleicht, dass sie die Wichtigkeit erkannt haben, aber ein anderer Grund ist nach den Untersuchungen der AFSU „Unite of World Food Programme“ (2002- 2005) die zunehmende Renoamdisierung des Landes. Es ist eine weltweite Beobachtung, dass die Nomaden immer mehr zu ihren alten Lebensformen zurückkehren, da diese Lebensform wenig braucht. Nur ein Zelt und einige wenige Tiere zu besitzen, ist leichter als Miete, die oft viel zu hoch ist, zu zahlen.

Ob nun die Nomaden vom Aussterben bedroht sind, kann man hiermit nicht bejahen, aber sie haben in Afghanistan während der Dürreperioden im Jahre 1971-1972, 1998-2002 und vor allem 2017-2018 mehr als die Hälfte ihrer Tiere verloren, womit ihnen der Lebensunterhalt unmöglich gemacht wird, und somit viele gezwungen waren wiederum sesshaft zu werden.

Hilfe der DAI

Die DAI hat sich seit ihrer Gründung immer in besonderer Weise um Nomaden und Halbnomaden gekümmert. Schon die erste und zweite Nothilfe führte auch in ihr Gebiet, vor allem im Großraum Herat. Schnell wurde deutlich, dass hier eine große Gruppe von Menschen, die genauso unter Krieg und Bürgerkrieg gelitten hatten wie die Afghanen in den Städten, im Schatten der Hilfe und Entwicklung blieb. Gerade aber Nomaden gewinnen dem kargen Land auch dort noch ihren Lebensunterhalt ab, wo die übliche Landwirtschaft nicht mehr möglich ist. Nomaden hängen stärker als andere von den Wechselfällen des Klimas ab, leiden mehr als andere unter Dürre im Sommer und extremer Kälte im Winter, weil nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Existenzgrundlage, die Tiere, besonders gefährdet sind.

Die Lebensweise der Nomaden und Halbnomaden trägt für uns Europäer romantische und abenteuerliche Züge. In Wahrheit ist es ein hartes und entbehrungsreiches Leben, das sich oft auf das Nötigste beschränken muss. Und extreme Schnee- und Kälteverhältnisse oder jahrelange Dürren bringen die Menschen schnell in Existenznot. Ein typisches Beispiel : Nach einer riesigen Frühjahrsflut 2010 gerieten die Halbnomaden von Obeh in absolute Existenzgefährdung,  als nicht nur ihr Vieh vernichtet, sondern auch ihre Häuser weitgehend zerstört waren und ihnen kaum mehr als das Leben geblieben war.

Eine Reihe von Projekten der DAI war daher auf Nomaden ausgerichtet. In Adraskan, Solmabad, Gharati, Schotordaran wurden Schulen gebaut, in Mehrabad eine Gesundheitsstation.

In Schotordaran, einer Halbnomadensiedlung bei Herat, wurde neben der Schule auch ein kleines Hamam gebaut, nachdem zuvor ein Brunnen gebohrt worden war. Inzwischen wurden auch die im Krieg zerstörten alten Karesen (Bewässerungsanlagen) wieder hergestellt. Ein kleiner Gemüseanbau ist in der Halbwüste möglich geworden.

Unterstützung der Frauen-Nomaden

Bei aller Bedürfnislosigkeit und Anpassungsfähigkeit an das trockene Klima sind ihre Lebensgrundlagen heute schlechter denn je. Jahr für Jahr wächst der Trockengürtel, der in Afghanistan Flüsse versanden lässt. Die Bedingungen, die einst das Nomandentum hervorgebracht haben, herrschen somit noch immer, werden aber insgesamt härter. Immer mehr Nomaden denken daher darüber nach, sesshaft zu werden, indem sie an den Stadtrand ziehen und sich als Tagelöhner verdingen. Auf der anderen Seite ist zu sagen, dass durch die Trockenheit auch die Flächen für die normale Landwirtschaft weiter reduziert werden.

Durch ihre Wanderwirtschaft sind die Nomaden im Unterschied zu den sesshaften Bauern in der Lage, Wüsten und Steppen nachhaltig zu bewirtschaften, so dass es geboten erscheint, ihre an die Trockenheit des Landes angepasste Lebensweise zu erhalten. Mit nur sehr wenig Hab und Gut auskommend, verlassen sie ihre Stätten, an denen sie übernachtet haben, ohne etwas zurückzulassen. Es gilt, diese nachhaltige Lebensform vor dem Hintergrund zu schützen, dass Afghanistan mit vielen Umweltproblemen zu kämpfen hat, bedingt durch Abholzungen der Wälder im Nordosten, Bodenerosionen, verseuchtes Grund- und Trinkwasser und eine Kontaminierung der Böden. Die Nomaden sind es gewohnt, mit sehr wenig Wasser auszukommen, müssen aber auf sauberes Wasser in den Flüssen zurückgreifen können.

Impfung von Tieren

Ende 2009 und im Januar 2010 erfolgte in mehreren Nomadensiedlungen (Mehrabad, Karez Soltan, Schotordaran) eine umfangreiche Dreifach-Impfung der Tiere, die zum Erhalt des Tierbestandes nötig war, von den Nomaden selbst aber nicht finanziert werden konnte.

Das Projekt kann jederzeit erweitert werden und ist daher für Spenden dankbar. Ein Schaf oder eine Ziege kosten ca. 6.000 Afghani, das entspricht etwa 100 Euro. 

Weitere derartige Hilfen sind vorgesehen. Sie sind allerdings immer von der jeweiligen Sicherheitslage abhängig.

Mikrokredit - Herden für Nomaden

Mikrokredit an Nomaden zu geben, ist das neuste Projekt der DAI mit den Nomaden.

Das Oberhaupt der Nomadensiedlung von Paschtun Zarghoon kam 2016 auf die DAI zu, mit dem Vorschlag, Mikrokredit in Form von Herden an sie zu geben, was sie innerhalb von 2 Jahren wieder zurück zahlen werden.

Im Frühjahr 2018 war es dann soweit. Die DAI machte mit dem Paschtun Zarghoon Nomadenclan einen Zweijahresvertrag. Sie bekamen 40 Schafe. Nach zwei Jahren dürfen sie die Mutterschafe behalten und müssen die Neugeborenen an die DAI zurück geben. Dies würde dann an weiteren Familien gegeben mit einem neuen Zweijahresvertrag.

Das gleiche Projekt wurde auch im Frühjahr 2018 im Westen der Stadt Herat, in Robat Sangi mit 85 Tieren gemacht.

Schotordaran

Die kleine Halbnomadensiedlung Schotordaran liegt nördlich von Herat und war nie von den Hilfsprojekten der großen Hilfsorganisationen erreicht worden. 2004 bei den Dreharbeiten für die Dokumentation „Mit Nomaden unterwegs“ (SWR/ARTE), für die Masuod Farhatyar die Aufnahmeleitung machte, entstand die Idee, die DAI könne in Schotordaran Hilfsprojekte durchführen.

Seitdem wurden drei erfolgreiche Hilfsprojekte durchgeführt:

  • Brunnen
  • Hammam
  • Schulgebäude

 

Bilderreihe zur Nomadenhilfe in Schotordaran