Demian Cornu im Interview

Heide Kässer: Demian, Du bist seit über zwei Jahren mit der Deutsch-Afghanischen Initiative verbunden. Was fasziniert Dich an Afghanistan?

Demian Cornu: Afghanistan hat mich intuitiv immer irgendwie interessiert und fasziniert. Dazu kommt, dass ich in meinem Studium während zweier Jahre Farsi gelernt und dadurch einen Bezug zum persischen Sprachraum erhalten habe. Als ich angefangen habe, mich etwas näher mit Afghanistan zu befassen, habe ich sofort eine gewisse Grundsympathie für da afghanische “Volk” entwickelt. Der Begriff “Volk” ist angesichts der Heterogenität Afghanistans natürlich unsinnig. Zudem dürfte gerade diese von außen auferlegte Identität eine der Wurzeln allen Übels in der Geschichte des heutigen Afghanistans sein. Obwohl Afghanistan zwar zu den wenigen nicht-europäischen Ländern zählt, die faktisch nie kolonisiert wurden, war seine Geschichte bereits vor der formellen Unabhängigkeit von 1919 fremdgesteuert. So wurde das Land am Hindukusch nämlich zur Pufferzone im sogenannten “Great Game”. Was die Briten und Russen als großes Spiel bezeichneten, war für die in der Gegend wohnhaften Tadschiken, Paschtunen, Usbeken oder Hazara ein grausamer Krieg, der nicht nur unzähligen Zivilisten das Leben kostete, sondern auch zu einer Grenzziehung führte, die noch heute mitten durch Stammesgebiete verläuft und ethnische Konflikte schürt. In den 1980er Jahren wurde Afghanistan zum Schauplatz eines weiteren schrecklichen Stellvertreter- Krieges, in dem es für die Afghanen nichts zu gewinnen und viel zu verlieren gab. Nachdem das Land zerstört war und die sowjetischen Truppen 1989 endlich abgezogen waren, hatten die USA, Saudi Arabien und Pakistan mit dem Aufbau der Mujaheddin längst den nächsten Feind des afghanischen Volkes herangezüchtet: den wahhabitisch-sunnitischen Extremismus. Damit haben sie den Nährboden für die Entstehung der Taliban geschaffen. Zwei Tage vor 9/11 wurde schließlich der vielleicht einzige Mann, der den Taliban hätte die Stirn bieten können und wollen, getötet – ob die CIA nun direkt oder indirekt dahinter steckte, spielt letztendlich keine Rolle – , worauf die USA den sogenannten “War on Terror” proklamierten und damit dem bereits kriegsversehrten Land ein weiteres trauriges Kapitel seiner Geschichte bescherten. Und trotz all dieser fürchterlichen Ereignisse, von denen jede afghanische Familie auf irgendeine Art und Weise betroffen ist, habe ich bisher – sei es in der Schweiz, im Iran oder in Afghanistan selbst – fast ausschließlich gute Erfahrungen mit Afghanen gemacht, was meine Grundsympathie im Verlauf der Jahre stets verstärkte.

Heide Kässer: Du hattest Dich zunächst für ein Kinderprojekt interessiert und bist dann in einem zweiten Schritt zum Studentinnen-Projekt gekommen. Warum Studentinnen?

Demian Cornu: Einer der Gründe dafür, warum ich Studentinnen und nicht Schüler unterstütze, ist sicher der, dass viele Spender in erster Linie Schüler unterstützen wollen, und ich der Meinung bin, dass auch der tertiäre Bildungsbereich sehr wichtig ist. Zudem ist mir die gezielte Förderung von wissensdurstigen und ambitionierten Frauen in einem Land, das mehrheitlich von Männern dominiert wird, ein großes Anliegen. Dass auch die Frauen, die etwa durch unsere Unterstützung die Möglichkeit haben, eine höhere Ausbildung zu machen, es schwierig haben werden, wenn es um die Jobsuche und die Akzeptanz in der Gesellschaft geht, ist mir bewusst. So gesehen, würde es dem Land vielleicht mehr bringen, männliche Studenten zu unterstützen. Diese könnten sich anschließend problemlos in der Arbeitswelt integrieren, während einige der von uns unterstützten Frauen nach dem Studium wieder bei ihren Familien landen dürften. Dennoch finde ich es wichtig, dieses Zeichen zu setzen, selbst wenn es bei einigen diese Frauen nur darum gehen wird, ihren Stellenwert innerhalb der Familie zu stärken. Und wenn dann die eine oder andere der von mir unterstützten Frauen früher oder später eine gute Lehrerin oder eine große Ärztin wird, macht es mich umso glücklicher.

Heide Kässer: Es sind in den letzten Jahren afghanische Frauen – auch bei uns – bekannt geworden, die aus dem Schutz der Familie herausgetreten sind.

Demian Cornu: Selbstverständlich gibt es viele sehr stake afghanische Frauen. Leider wird ihnen nicht immer so viel Beachtung geschenkt wie den Männern. Etwa die Polizistin Malalai Kakar, die 2001 aus ihrem Exil in Pakistan nach Kandahar zurückkehrte, um im Range eines Oberstleutnants die Abteilung “Kriminalität gegen Frauen” zu leiten, und 2008 von den Taliban erschossen wurde. Oder die Graffiti-Künstlerin Shamsia Hassani, die meines Wissens – trotz Weltberühmtheit und zahlreicher Auslandsaufenthalte – immer noch in Afghanistan lebt und als außerordentliche Professorin an der Universität Kabul lehrt. Schließlich gibt es auch zahlreiche unbekannte Frauen, die Großes geleistet haben und dennoch nicht gehört werden. Schön porträtiert wird dieser Typ Heldin in einem meiner Lieblingsromane “Nach Afghanistan kommt Gott nur zum Weinen” von der iranischen Schriftstellerin Siba Shakib.

Heide Kässer: Die Flucht so vieler Afghanen ist ein großes Problem, auch für Afghanistan. Wie ist Deine Einschätzung?

Demian Cornu: Es ist immer problematisch für ein Land, wenn ein Großteil der gebildeten Menschen abwandert (“Braindrain”). Allerdings ist die starke Auswanderung im Afghanistan-Kontext nicht unbedingt ein neues Phänomen. Im Iran leben – teils in zweiter und dritter Generation – zwei bis vier Millionen afghanische Flüchtlinge. Viele der heute nach Europa kommenden Afghanen sind solche, die zuvor Jahre oder Jahrzehnte – oftmals illegal – im Iran gelebt haben. Angesichts der äußerst schweren Bedingungen und gnadenlosen Diskriminierungen, denen afghanische Flüchtlinge im Iran ausgesetzt werden – ich habe einige schlimme Szenen selbst miterlebt – , sowie des Umstands, dass der Iran heute afghanische Flüchtlinge nach Syrien in den Krieg schickt, ist für mich die Weiterwanderung nach Europa mehr als verständlich.

Heide Kässer: Können wir – angesichts der Probleme – unseren Studentinnen raten, im Land zu bleiben?

Demian Cornu: Ich denke, es ist nicht an uns, den Studentinnen zu irgendetwas zu raten. Die Gründe, die zum Verlassen des Heimatlandes führen, sind situativ bedingt und sehr individuell. Durch unsere finanzielle Unterstützung können wir motivierten Frauen dabei helfen, sich ausbildungstechnisch weiterzuentwickeln. Einige davon dürften in einem Beruf Fuß fassen, was nicht nur ihre persönliche Lage verbessern, sondern auch der Gesellschaft einen Gefallen erweisen dürfte. Bei anderen wird sich die genossene Bildung zumindest positiv auf ihre Stellung in der Familie und womöglich auf die Erziehung ihrer Kinder auswirken. Wir dürfen auf keinen Fall eine Erwartungshaltung entwickeln. Über positive Entwicklungen, die unter anderem durch unsere Unterstützung ermöglicht wurden, können wir uns aber besonders freuen.

Die Fragen stellte die Leiterin des Studentinnen-Projekts der Deutsch-Afghanischen Initiative.

Heide Kaesser ( 2 ) am 20. Februar, 2016

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