Archiv: November 2012

Besonderer Besuch

Kopftuch und Kamelkacke: Kinder der Emil-Gött-Schule erfahren beim Afghanistan-Tag viel Neues.

  1. Masuod Farhatyar beantwortet die vielen neugierigen Fragen der Drittklässler.Foto: Thomas Kunz

ZÄHRINGEN. Die Aufregung an der Emil-Gött-Schule ist groß: Heute ist Afghanistan-Tag. Nach der Pause stürmen die Kinder zurück in die Grundschule, ausnahmsweise kann das nicht schnell genug gehen. Gleich werden sie die Gäste von der Deutsch-Afghanischen-Initiative (DAI) mit Fragen löchern und Spenden übergeben.

Im Museumsklassenzimmer warten am Mittwoch bereits Sybilla Wadewitz und Masuod Farhatyar von der DAI und die Leiterinnen der Afghanistan-AG auf die Klassensprecher der zehn Klassen. Dort können die Kinder Schuhe, einen Filzteppich, eine Ziegenglocke und andere Alltagsgegenstände aus dem fernen Land begutachten. Und ihre Spende übergeben: 700 Euro haben die Schüler gesammelt. Enno Rau (7) muss den Scheck hoch über den Kopf halten, damit der aufs Erinnerungsfoto passt. Er und Laura Werner (8) sind Klassensprecher der zweiten Klasse.

Masuod Farhatyar (55) wohnt in Freiburg, seit er mit 19 Jahren zum Studieren herkam. Er reist oft in sein Heimatland Afghanistan und hat dort mit der DAI und der Caritas Schulen gebaut. Mit der Schule in Solmabad pflegt die Emil-Gött-Schule seit zehn Jahren eine Patenschaft. “Am Anfang standen dort nur Zelte. Seit 2006 gibt es nun eine richtige Schule”, erzählt der Afghane. Durch Spenden können die afghanischen Kinder Hefte, Sitzmatten und Schulranzen bekommen. An die 700 Euro könne man eigentlich eine Null dranhängen, sagt Farhatyar, denn so viel sei das Geld dort wert. Die Schüler staunen – dann prasseln Fragen: “Wer ist Präsident?”, will Enno wissen. “Wie viel Einwohner hat Kabul?”, fragt Laura. “Welche Kleidung tragen die Menschen?”, fragen Niklas Stein (9) und Annabelle Moßbrucker (10), Klassensprecher einer vierten Klasse. “An Festtagen”, antwortet der Afghane “solche Kleidung wie ihr.”

Häuser aus Kamelkacke

Recht hat er, denn heute tragen die beiden typische Blusen und Westen mit Schmucksteinen. Die haben sie extra angezogen, auch wenn die Klassenkameraden Witze gemacht haben. “Ich finde die ganz schön”, sagt Niklas. “Es kratzt nur ein bisschen”, meint Annabelle.

Die Klassensprecher hätten noch viele Fragen, aber jetzt stehen ein Film, afghanische Musik und Malen auf dem Programm. Die Mitglieder der DA-Initiative werden schon erwartet: Im ersten Stock sitzt die dritte Klasse gespannt im Stuhlkreis. Sobald Masuod Farhatyar in der Mitte Platz genommen hat, geht es ans Eingemachte: “Wie viele Teppiche werden pro Tag geknüpft?” fragt Sebastian Moctezuma De La (9). Farhatyar muss lachen: “Schwierig, aber im Jahr sicherlich 10 000 Quadratmeter, was ja nicht einfach ist: Pflanzen liefern Farbe, dann muss Wolle gesponnen werden, erst dann wird geknüpft.”

Die Drittklässler sind verblüfft: Es gibt echt Häuser aus Kamelkacke? Krankheiten werden oft ohne Arzt behandelt? Zähne geputzt wird mit einem angeschliffenen Stück Holz? Wahnsinn! Sie sind gut vorbereitet, dank vieler Schulprojekte der Afghanistan-AG und den Briefen von afghanischen Kindern. Wie ist das denn mit dem Verschleiern, wollen sie wissen. “Die Frauen sind nicht gesetzlich verpflichtet”, erklärt Farhatyar, “aber es gibt immer wieder Männer, die sie zwingen.” Das Problem seien die Männer, sagt er. Aber den Jungen könne man ein anderes Denken beibringen, indem sie lesen, schreiben und die Welt kennen lernen. “Ich kenne auch eine Frau, die Schleier tragen will, was ihrem Mann gar nicht gefällt.” Dann erzählt Farhatyar noch eine Anekdote: “Als ich bei einem Besuch Schulsachen verteilt habe, hatte ein Mädchen keine Tasche. Nimm doch dein Tuch, habe ich gesagt. Alle haben es ihr nachgemacht, seitdem trägt dort kein Mädchen mehr Schleier.” Vergnügt stimmt er ins Lachen der Klasse mit ein.

Infos zu den Schulpatenschaften: http://www.deutsch-afghanische-initiative.de

Sybilla Wadewitz am 12. November 2012 in Aus Afghanistan
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