Reisebericht 2: Stickprojekt in Laghmani and more

Ein Reisebericht von Pascale Goldenberg (2006)

Dies ist der Bericht der zweiten Reise nach Laghmani (Afghanistan), um das Stickprojekt weiter zu betreuen. Die Deutsch Afghanische Initiative e.V. in Freiburg (Deutschland) ist Träger und ich bin Leiterin des Projekts. Wer den ersten Reisebericht (von Juli 2005) nicht kennt und die Anfänge gerne erfahren möchte, kann bei mir danach fragen.

Fangen wir an mit „and more“, wobei es um Struma-Patienten geht
Vor 4 Jahren, im Rahmen des Frauenprojekts in Laghmani, konnte sich die Ärztin Shala Rahel ein Bild der Frauensituation in Sachen Gesundheit machen. Ich selbst konnte ich im letzten Jahr feststellen, dass zahlreiche Menschen der drei Dorfteile von Laghmani – Kalaikuna, Sufian und Kakara – an Vergrößerung der Schilddrüse leiden. Hauptsächlich Frauen sind betroffen, aber auch Kinder (Buben und Mädchen) sowie Männer. Solch ein ausgeprägtes Schilddrüsenproblem ist in Afghanistan, dem Land der Berge, sehr verbreitet und auf Jodmangel zurückzuführen. Da ein großer Anteil der Stickfrauen davon betroffen ist, bat ich Anna Hermes, Krankenschwester und auch Mitglied der DAI e.V, die schon 2 Mal in Afghanistan tätig war, mitzukommen.

Vor der Abreise erstellten wir 3 Stufen der Behandlung:
- Die prophylaktische, um die heranwachsende Generation zu schützen; dabei gilt es, die Bevölkerung über die Möglichkeit der Einnahme von Jodsalz zu informieren.
- Die medikamentöse Therapie, die aber spezifische und wiederholte Blutanalysen erfordert,
- Der operative Eingriff.

Realistisch erschien uns nur, die erste Stufe anzugehen. Anna hatte im Vorfeld mit sämtlichen internationalen Organisationen in Sachen Gesundheit Kontakt aufgenommen, um letztendlich zu erfahren, dass sie das Problem zwar erkannt, jedoch nicht als vorrangig eingestuft hätten und entsprechend nichts dagegen unternommen haben; so konnten wir nicht auf bisherige Erfahrungen zurückgreifen.

Vor Ort, also in Laghmani und über mehrere Tage konnte Anna die Frauen kennen lernen, die an einem Struma (Kropf) leiden und sie zu ihren Symptomen befragen. Wir erfuhren, dass seit circa zwei Jahren ein großer Teil der Bevölkerung das normale Salz durch Jodsalz ersetzt hat (das kaum teurer ist als normales Salz). Eine Werbekampagne in Funk und Fernsehen gibt an, dass man mit Jodsalz intelligenter wird (das mag insofern stimmen, als im Extremfall der Erkrankung der Intellekt geschwächt wird). Auffällig war, dass der Zusammenhang Jodmangel – Schilddrüsenerkrankungen bei den Männern nicht bekannt war. Bei den betroffenen Frauen war der Informationsstand diesbezüglich wesentlich besser aber noch nicht zufriedenstellend. Keine wusste, dass Jodsalz zur Vorbeugung unentbehrlich für die junge Generation ist.
Anna nutzte die Zusammenkünfte mit den Frauen, um über die Wichtigkeit des Jodsalzes zu sprechen sowie über die Folgen von Dysfunktionen der Schilddrüse aufzuklären. Insbesondere appellierte sie an die Frauen im gebärfähigen Alter, Jodsalz zu verwenden zur Vorbeugung möglicher Folgeschäden für ihre Kinder. Ein Teil der Betroffenen war bereits in Behandlung, wobei sie offenbar keine gezielten Schildrüsenmedikamente erhielten. Bis zur Abreise von Anna gelang es ihr, für 11 Betroffene (unter den Jüngeren ausgewählt) eine Blutuntersuchung zur Analyse der Schilddrüsenhormone in Kabul durchführen zu lassen. Inzwischen liegen die Ergebnisse vor, 10 Personen werden eine medikamentöse Therapie über einen längeren Zeitraum benötigen, bevor entschieden werden kann, ob eventuell ein operativer Eingriff notwendig ist. Das wird eine Entscheidung der Ärzte in Kabul sein. Anna bleibt mit Khaled, ihrem Ansprechpartner in Kabul, im Austausch, der die weitere Betreuung der Patienten organisiert.

„and some more“: die Lehrerfortbildung
Direkt in Laghmani und circa 10 km weiter in Balagel gibt es jeweils eine Schule, die die DAI e.V. in den letzten Jahren gebaut hat. Die Verantwortung und das Engagement dafür sind noch sehr groß. Dank Annas Initiative konnten wir nach zahlreichen Gesprächen (und entsprechend vielen Stunden und Tagen), mit der Frauenbeauftragten und Schulbeauftragten, mit den jeweiligen Schuldirektoren, mit der Ärztin im Krankenhaus von Charikar (10 km von Laghmani entfernt), dann letztendlich mit 2 Lehrerinnen und 4 Lehrern das Programm für eine Fortbildung festlegen. Ziel ist es, dass sie bei Bedarf in der Schule erste Hilfe leisten können, aber vor allem, dass sie in Sachen Gesundheitsaufklärung (Hygiene/Latrinen, Prävention und Behandlung von regional üblichen Erkrankungen, wie Malaria, Tuberkulose, orale Rehydratation bei Durchfallerkrankrankung, parasitäre und Wurmererkrankung, Zahn-Mundhygiene, Ernährung, Impfungen etc) dieses Wissen dann in der Schule an die Kinder weitergeben, in der Hoffnung, dass ein umfassenderes Wissen und Begreifen von Zusammenhängen Veränderungen im Verhalten herbeiführen kann.

Wir erfuhren, dass das Parlament eine Anordnung erlassen hat, dass täglich in den ersten 5 Minuten des Unterrichts über Hygiene (richtiges Handwaschen, Waschen von Nahrungsmittel vor dem Verzehr, etc) gesprochen werden muss.
Wir erfahren in Laghmani, dass dies dort umgesetzt wird, allmorgendlich, eingebettet zwischen einem Koranvers, dem Singen der Nationalhymne und Anweisungen zu einem sicheren Schulweg. Der Weg ist also bereits geebnet!!!
Die 6 Lehrer werden von zwei Ärztinnen unterrichtet, 2 Monate lang 3 mal pro Woche, 2 Stunden lang. Die zwei Schuldirektoren haben sich verpflichtet, diese so ausgebildeten Lehrerpersonen als Fachlehrer für Gesundheitserziehung einzusetzen.

Das Stickprojekt: das Wiedersehen, das Kennen lernen mit neuen Frauen und wo Verträge gemacht werden

In Kalaikuna, Sufian und Kakara hatten wir – Weeda, die Dolmetscherin, und ich- mit bis zu 300 Frauen zu tun. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet und teilweise total überfordert. Bis jetzt hatten „offiziell“ bis zu 80 Frauen gestickt.

- Es waren Frauen, die schon „offiziell“ gestickt hatten, d.h. die ich vom Vorjahr kannte oder an die Weeda regelmäßig Stickmaterial verteilt und von denen sie gestickte Quadrate angekauft hatte.
- Zahlreiche Frauen behaupteten, sticken zu können, und wollten es auch in dem Rahmen des Projekts tun.

Wiederholt und in kleinen Gruppen von 8 bis ca. 25 Frauen mussten sie sich erst einmal anhören, was die DAI ist, dass Deutsche und Afghanen bei den jeweiligen Projekten zusammenarbeiten; dann die Arbeitsschritte, die anstehen, von dem Zeitpunkt, wo die Quadrate angekauft sind, bis zum Verkauf (wie zeit- und kostenaufwändig die ganzen Arbeitsschritte sind). Das waren zwei volle Seiten, die ich geschrieben hatte und die Weeda wiederholt vorgetragen hat. Dies war als Appell an die Frauen gerichtet, damit sie selbst wiederum ernsthaft und qualitativ konsequent gut sticken, und damit sie ihr Bestes geben. Diese „Rede“ leitete zur verbindlichen Einführung eines Vertrags zwischen den Frauen und mir als Leiterin des Projektes bei der DAI über.

Aber zuvor mussten die neuen Frauen getestet und, ihre Fähigkeit zu sticken überprüft werden; da habe ich unterschiedlich gehandelt:

- Mal vergleichbar zu einem Wettbewerb, wo 45 Frauen in Kakara genau das gleiche Stoffstück und 3 Päckchen Stickgarne bekamen, um das Ergebnis am Tag darauf zu liefern: sehr schnell konnte ich mich für die Hälfte der Frauen entscheiden; die andere Hälfte konnte sticken, aber nicht überzeugend gut genug.

- Mal habe ich Frauen in meiner Nähe sticken lassen, da ich das Gefühl hatte, sie würden sonst das Tuch von einer „guten“ Freundin an ihrer Stelle sticken lassen. Es war eben schon passiert, dass 5 Frauen Tücher vorgelegt haben, die sie nicht selbst bestickt, sondern „ausgeliehen“ hatten, um mir vorzuweisen, was sie können. Aber ich konnte mich sehr gut erinnern, Tage oder Stunden zuvor die Tücher gesehen zu haben, und rutschte nicht in die Falle.

- Aber der größte Teil der Frauen bekam Material und durfte zuhause und über mehrere Tage ein Probetuch sticken.

- Fünf Frauen, die seit dem letztem Jahr mitgestickt hatten, bekamen auch keinen Vertrag; unsere Zusammenarbeit wurde dann als abgebrochen erklärt.

Das Auswählen der Frauen und das „nein“ sagen zu müssen, war das Schwierigste, weil die Frauen gekämpft haben, um sticken zu können (was eigentlich ein gutes Zeichen ist); sobald ich „nein“ gesagt hatte, war Weeda sehr klar und deutlich, auch wenn es für sie sehr unangenehm war dies auszusprechen bzw. zu erklären. Doch viele Frauen kamen eine Stunde später, dann noch mal am Tag darauf, um zu erzählen, auch weinend, dass sie Geld brauchen, so viele Kinder haben, dass der Mann nicht genug Geld nach Hause bringt usw; mal bat der Mann darum, seine Frau aufzunehmen.

Der Vertrag legt 4 Punkte fest:
- Ausschließlich von Weeda verteilter (also von mir geschickte) Stoff + Stickgarne werden verwendet,
- Abstand ist zwischen den bestickten Quadraten einzuhalten,
- die Tücher sind sauber abzuliefern,
- nur so viele Quadrate wie festgelegt werden angekauft.

Erklärung zum letztem Punkt: ich habe selbst festgelegt, wie viele bestrickte Quadrate bei jeder Frau angekauft werden. Dies hängt von ihrer Stickart und der Qualität der Ausführung ab.

Wer sehr gut stickt, hat die maximale Anzahl bekommen, und zwar 80 Quadrate, wer gerade an der Grenze ist, hat nur 10 Quadrate bekommen. Es heißt, dass bei jedem Sammeln der Quadrate (dies wird alle 1 ½ bis 2 Monate angestrebt) nur die vereinbarte Anzahl angenommen wird. Damit ist ganz genau festgelegt, wie viele Quadrate jedes Mal in Deutschland eintreffen werden, und entsprechend wie viel Material zu richten (und zu verschicken) ist.

Es wurde mit 172 Frauen ein Vertrag abgeschlossen.
Da die „Drohung“ im Raum steht, weniger bis gar keine Quadrate mehr sticken zu dürfen, falls sich die gelieferte Qualität verschlechtert, verspreche ich mir eine bleibende bzw. steigende Qualität zu erhalten.

An diesen Tagen wurde immer wieder beim Legen der fertigen bestickten Tücher beraten, was gut und charaktervoll ist oder im Gegenteil langweilig und eintönig. Über die Qualität der Stiche wurde auch gesprochen, obwohl es nicht so dringend nötig war.

Dazu habe ich mich entschieden, die Frauen anders zu bezahlen; bis jetzt wurden sie in dem Moment bezahlt, wo sie die Quadrate geliefert hatten. Aus verschiedenen organisatorischen Gründen werden die Frauen in Zukunft um ein Mal versetzt bezahlt, also immer das Mal darauf. Ich werde das selbst in Freiburg ausrechnen und nicht mehr Weeda an dem Tag der Abholung/Sammeln, da es an diesen Tagen zu chaotisch zugeht, und man/Frau keinen klaren Kopf zum Rechnen hat. Die Stickfrauen sind darüber informiert und damit einverstanden.

Dass ich mit einer großen Anzahl von Mädchen (zwischen 12 und 20, unverheiratet) einen Vertrag gemacht habe, obwohl die Qualität noch nicht optimal ist, ist als eigene „Politik“ zu betrachten. Durch diese finanzielle Unterstützung an die Mädchen möchte ich dazu beitragen, dieser traditionellen Technik eine Chance zu geben, damit sie nicht ganz verloren geht. Es geht um einen bewussten (zu naiven?) Versuch, diese sterbenden Techniken doch wieder zu entfachen und zu beleben.

Das Bezahlen vor der Abreise
Ich hatte die 2 Tage vor meiner Abreise ausgesucht, um in den 3 Teilen Laghmanis zu bezahlen, damit die Frauen soviel Zeit zu sticken wie möglich bekommen. Alle Frauen, die Quadrate bestickt hatten, konnten ihre Quadrate zum Ankauf bringen, also auch die Frauen, mit denen ich keinen Vertrag ausgemacht hatte; es kamen weit über 6000 Quadrate zusammen und das ist auch das letzte Mal, dass soviel Quadrate eingesammelt wurden.

Sämtliche Frauen mit Verträgen brachten tatsächlich ihren Vertrag mit, gar keine hatte das Papierstück vergessen. Ich fand es großartig, wie ernst sie diesen Vertrag genommen hatten. Einige hatten das Blatt in Plastikfolie eingetütet, damit es geschont bleibt.

An diesen 2 Tagen wurde weiter beraten, wenn ich es für nötig hielt; dabei wurde schon 8 Frauen der Vertrag entzogen: die bestickte Quadrate waren nicht überzeugend, so dass ich sofort entschlossen war, ihnen keine weitere Chance zu geben. Es klingt sehr streng, doch bei so einer großen Anzahl von Frauen wüsste ich nicht, wie ich anders hätte verfahren sollen. Wenn sie in der Zeit meiner Anwesenheit „das Spiel schon nicht mal richtig spielen“, wie wird es später funktionieren?

Was ein anderes Mal anders laufen könnte und Ideen für die Zukunft
Das Auswählen der Frauen unter dem Hauptgesichtspunkt, wer kann gut genug sticken, also mit wem ich einen Vertrag ausmache, ist mir sehr schwer gefallen, manchmal sogar ungerecht vorgekommen, weil die „neuen“ Frauen, die schon 20 Jahre nicht mehr gestickt hatten, Zeit brauchen, um wieder richtig einzusteigen. Ich sehe die Lösung für ein späteres Mal so: alle Frauen sind darüber informiert, dass ein neues Verfahren zur Aufnahme stattfinden wird (sogar 2 Monate zuvor, so könnten sie sich „warmlaufen“). Das nächste Mal, wenn ich dort bin, könnten 2 Tage ganz dafür vorgesehen werden, Tage, die die Frauen sich freihalten, um den ganzen Tag am Ort zu sticken. Am Ende der 2 Tage könnte man definitiv entscheiden, wer dazu kommen kann.

In dieser kleinen Region betreut die DAI 45 Patenkinder, die mit einem finanziellen Beitrag monatlich unterstützt werden; zwei Mal in Jahr werden die entsprechenden Familien besucht, um die Entwicklung des Familienstandes zu überprüfen, ob die Notwendigkeit der finanziellen Hilfe weiterhin besteht. Also, wenn die finanzielle Situation der Familie sich gebessert hat, wird die finanzielle Hilfe entzogen und an weitere Kinder (es sind viele, die darauf warten) überreicht.

Um gerecht zu sein, müsste ich nach diesem Konzept vorgehen, das heißt nicht nur die Qualität der Stickerei sondern auch die finanzielle Situation der Familie berücksichtigen, um die Anzahl der angekauften Quadrate festzulegen. Dies würde erfordern, dass ich eben die Situation der Familie regelmäßig (mind. ein Mal im Jahr) überprüfe. Nach europäischem Maßstab sind alle Familien bedürftig, doch eine Differenzierung ist unbedingt erforderlich. Da es aber nach kolossaler Arbeit aussieht (besonders Zeit aufwändig und teuer, weil die Dolmetscherin unentbehrlich ist), muss ich noch weiter darüber denken. Eine vereinfachte Betrachtung des Familienstandes, ob die Stickerin Witwe ist und übermäßig viel Kinder hat, könnte eventuell ausreichend sein, um eine Entscheidung zu treffen.

Das Fotografieren der Frauen, ob Gesicht oder Hände, um eine Art Katalog daraus herzustellen, wie ich es mir vorgenommen hatte, hat praktisch nicht statt gefunden; meine Digitalkamera hat kurz vor der Abreise ein gravierendes Software-Problem gehabt, so dass ich nur einen billigen Apparat mitnehmen konnte. Außerdem war ich zeitlich so überfordert, dass ich das nicht hätte schaffen können. Ich bereue es sehr, weil ich allgemein den Eindruck hatte, sie würden es eher erlauben als im Jahr zuvor (sie haben sich alle problemlos wegen Struma von Anna fotografieren lassen). Das Publikum in Europa freut sich sehr, ein Gesicht mit einer Stickerei zu verbinden, so dass ich sehr traurig darüber bin, nicht dazu gekommen zu sein. Das nächste Mal muss ich unbedingt Zeit dafür organisieren.

Bei Bezahlung der Quadrate werden die Stickfrauen aufgefordert, eine Quittung zu unterschreiben; leider können sie nicht lesen und schreiben und nur ungefähr 5 % der Frauen unterschreiben. Es wäre mir ein großes Anliegen, eine Lehrerin einzustellen, damit sie mit jeder Frau die nötige Zeit verbringt, bis sie ihren Namen selbst (unter)schreiben kann. Es geht mir nicht um die Quittung, sondern um das Stück Selbstbewusstsein, das damit gewonnen wäre. Viele Frauen können auch das Geld nicht nachzählen…

In der Kunstszene gibt es den Begriff „Plein-air“; dabei ist eine lockere Begegnung (wo auch gleichzeitig gearbeitet wird) zwischen Gleichgesinnten gemeint. Ich stelle mir vor, so eine Art Plein-Air durchzuführen. In Kalaikuna wurde ein Park eingerichtet und mit einem geschmiedeten Geländer umgrenzt. Meine Vorstellung ist, an einem rechtzeitig angekündigten Tag alle Stickfrauen einzuladen, ein besticktes Tuch auszustellen (an dem Geländer aufzuhängen). Sie könnten dadurch die Stickstile der Kolleginnen wahrnehmen und betrachten und jede könnte ein Wort über ihre Arbeit zum Ausdruck bringen: Man könnte verweilen, trinken und essen; also ein richtiges Fest erleben! „Autoritäten“ könnten auch dazu eingeladen sein, also Männer. Mir ist bewusst, dass die Frauen nur mit Schoderi (Name für Burka in Afghanistan) erscheinen würden, aber sollten sie erscheinen, würde ich es als großen Erfolg betrachten. Ich bin sicher, sie würden eine riesige Portion Selbstbewusstsein gewinnen.

Neue Versuche wurden angegangen:
das Sticken von Dreiecken (so groß wie 2 Quadrate) und von Bändern.
Mit zwei besonders gefärbten Garnsorten wurde neu bestickt, mit einer Serie von der Französin Isabelle Girodet, Spezialistin in Sachen Pfanzenfärberei speziell für das Projekt angefertigt und mit einer zweiten Serie, mit Proccion, amerikanischen chemischen Farben, selbst gefärbt von Freundinnen aus Freiburg -die Farben ineinander gehend-. Die Quadrate, die mit diesen besonderen Garnen bestickt wurden (jede Sorte für sich), sind tatsächlich sehr charaktervoll geworden, aber im Hinblick auf die sehr zeitaufwändigen und kostspieligen Färbeprozesse, denke ich nicht, dass in dieser Richtung eine kommerzielle Zukunft erwartet werden kann. Die Quadrate sind sehr schön, aber wirtschaftlich total unrentabel.

Auf meine Anregung hin hat Holle Voss, Textilkünstlerin aus Hannover die mit Siebdruck arbeitet, spezial für das Projekt größere Quadrate angefertigt, deren farbfreien Flächen in Laghmani bestickt wurden. Die Kombination Siebdruck und Stickerei ist sehr lebendig und nach Auswerten und Rücksprache mit Frau Voss wird sich rausstellen, ob in dieser Richtung eventuell weiter aufgebaut werden kann.

Verschiedenes
Es sieht so aus, als ob die Frauen diese neue und unverhoffte Möglichkeit, Geld zu verdienen, sehr gerne wahrnehmen möchten (ich hätte mit bis zu 300 Frauen einen Vertrag abschließen können). Es ist eine ganz neue Erfahrung für sie, die noch nie ein vergleichbares Erlebnis bzw. irgendwelche Verdienstmöglichkeit hatten.

Außerdem, und durch Nachfragen (was mein Gefühl auch bestätigte) erfuhr ich, dass sie viel Spaß beim Sticken haben; es ist also eine Tätigkeit, die angenehm auszuüben ist. Man muss trotzdem vorsichtig sein und man darf diese Tätigkeit nicht wie eine Art Hobby ( in unserem europäischen Sinn) betrachten.

Meine Befürchtungen wurden nicht bestätigt, die Männer könnten das Geld an sich reißen (um eventuell krumme Geschäften damit abzuwickeln). Ich erfuhr, dass sie alleine entscheiden, was mit dem Geld geschieht. Selbstverständlich geben sie dem Mann Geld, um einzukaufen (sie können alleine nicht einkaufen gehen); diese Einkäufe sind z.B. Lebensmittel, Holz, eine Gasflasche.. Leider (nach meiner Meinung) hat keine Frau eine größere Anschaffung gemacht (ein Kalb z.B.). Vielleicht, weil noch nicht genügend Geld zusammen kam, oder die Wintersaison verlangte, dass mehr Lebensmittel angeschafft werden mussten? Arztbesuche wurden auch mit dem Geld bezahlt.
Die Mädchen, die schon einmal mitgestickt haben, verfügen selbst über das Geld; ich konnte sehen, wie sie sich nette Kleidungsstücke angeschafft hatten (Jeansjacke)!

Ich kann mir vorstellen, dass mit Geld in der Tasche (in einer versteckten Brusttasche gehütet), immer wieder öfter einmal, Frauen – vorerst von einem Mann begleitet- nach Charikar zum Bazar gehen werden, um etwas für sich selbst anzuschaffen. Diese neue finanzielle Quelle, die den Frauen ganz alleine gehört, könnte also Selbstbewusstsein aufbauen helfen und als offene Tür zur Welt betrachtet werden.

Alle Männer, die ich getroffen habe, waren sehr zufrieden, wenn ihre Frauen stickten, oder andere wollten von mir, dass ihre Frau doch stickt, wenn ich sie nicht aufgenommen hatte. Meine Befürchtung, Männer könnten unglücklich und frustriert sein, weil ihre Frauen Geld verdienen, sogar mehr Geld als sie verdienen, war unbegründet.

In Kabul selbst nahm ich mir Zeit (und es hat Spaß gemacht), in dem Stadtviertel der Antiquare nach so genannten traditionellen turkmenischen Patchwork Decken Ausschau zu halten. So konnte ich mich mit bis zu 10 Stücken eindecken, Stücke, die ich privat angeschafft habe. Das hat aber trotzdem mit dem Projekt zu tun, weil diese für Veranstaltungen zum Ausleihen zur Verfügung stehen werden. Mit drei Patchworks, die ich das letzte Jahr angeschafft hatte (dazu noch verschiedene von Hand bestickte Choderis), habe ich die sehr positive Erfahrung gemacht, dass die für uns in Europa fremden Werke sehr viel Aufmerksamkeit bekommen; Ausstellungen, die damit bestückt sind, gewinnen an Interesse. Veranstaltungen, die die Vorstellung des Stickprojekts in ihr Programm aufnehmen wollen, biete ich an, diese besonderen Stücke auszustellen. Ich habe eine CD-rom ausgearbeitet, wo alle Teile beschrieben und mit Maßen registriert sind. Die Möglichkeit des Ausleihen ist ein Plus und wird tatsächlich sehr gerne wahrgenommen.

In der letzten „Sammelstunde“ in Kakara, lieferte Latifa, eine neue Stickerin (aber nicht mehr so jung), wunderschöne Quadrate ab, darunter ein Stück mit dem Umriss Afghanistans bestickt, und auf der kleinen Fläche, klein aber in Farsi einwandfrei zu lesen: „Deutsch Afghanische Initiative“. Auf einem anderen Quadrat war ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln samt Überschrift „Gute Reise“ gestickt. Ich war sehr gerührt und bedankte mich in Namen der DAI. Ich bat sie darum, ein Foto von ihr nehmen zu dürfen; nach kurzem Überlegen willigte sie ein. Latifa kann selbst nicht schreiben und lesen, ihr Mann kann es aber.

Nach dieser Fotoaufnahme fragte ich in der Runde, wer noch fotografiert werden möchte. Von den 22 Frauen wollte es spontan keine und ich insistierte auch nicht.

Wenn es auch oft sehr stressig war, hat die Aufenthalt in Kalaikuna, Sufian und Kakara doch bestätigt, dass die entsprechende Arbeit für mich einen Sinn macht. Ich denke, das Projekt ist auf einem gutem Weg, wobei gut heißt, es ist noch nicht angekommen, aber es zeichnet sich eine positive Entwicklung ab. Keine besonders großen Probleme hindern daran zu glauben, dass es weiter so funktionieren kann. Es bleibt aber zu hoffen, dass das neu ausgedachte System zum Sammeln und zu bezahlen tatsächlich gut angenommen wird.

Die Frauen haben gehört, dass das Projekt nur so lange funktionieren kann, wie ich es verkraften kann. Selbst habe ich mir 3 bis 5 Jahre von meiner Zeit und der meiner Familie gegeben (es sind schon 2 vergangen), damit ich eine weitere Lösung in Sache Stickerei für diese Frauen ausfindig machen kann (in der Haute Couture?). Bis jetzt zeichnet sich noch keine Lösung ab. Selbst möchte ich erst einmal abwarten, ob die Stickqualität sich noch verbessert, dann kann ich auch Zeit dafür einsetzen, einen geeigneten Nachfolger für die Leitung des Projekts zu finden. Also, ich bin für alle konkreten Vorschlägen offen, und für Diskussionen darüber bereit.

In Kabul konnte ich Frau Lien Heidenreich (die noch 2 Jahre in Kabul anwesend sein wird), Stellvertreterin des Direktors des Goethe-Instituts treffen und ihr das Projekt bzw. den Wettbewerb und Ausstellung „Fäden verbinden Frauen“* vorstellen. Sie zeigte Interesse an dem Ausstellungsvorhaben. Da die Möglichkeiten einer Präsentation in dem direktem Rahmen des Instituts sich als schwierig erweisen (das Institut ist nicht als öffentliches Gebäude konzipiert, d.h. strenge Sicherheitsmaßnahmen machen den Zutritt beschwerlich), dachte sie spontan daran, dieses Event in Zusammenarbeit mit der Alliance Française durchzuführen. Diese ist in dem Gymnasium Esteqlal (wo auch Französisch unterrichtet wird) untergebracht und eher öffentlich zugänglich.

Allgemeine Eindrücke
Es war erneut ein großes Glück für mich, in einer typischen und traditionellen Gastfamilie untergebracht sein zu dürfen. Dieses Jahr waren die Choderis (Name für Burka) verschwunden, die sonst noch letztes Jahr im Eingangsbereich an einem Nagel hingen. In der Zeit meines Aufenthalts durfte ich den Tag erleben, an dem die zwanzigjährige Tochter des Hauses zum ersten Mal in die Schule ging: ein Riesenerfolg nach Jahren der Unterdrückung, vielen Umzügen; Sie fand endlich die innere Ruhe dafür und das Verlangen nach der Schule wurde groß genug, um vom Vater die Erlaubnis für diesen Schritt zu erhalten.

In Afghanistan ist die Tradition besonders fest verankert und daran wird sich noch lange nichts ändern. Zum Beispiel wurden alle Paare, die ich getroffen habe, ob in der Stadt oder auf dem Land, nach traditionellen Sitten zusammengebracht, d.h. die Eltern haben die jungen Leute füreinander bestimmt. Es wird meistens in der Großfamilie geheiratet, zwischen Cousin und Cousine aber immer wieder auch außerhalb der Familie. In solchen Fällen haben sich die Ehepartner bis zum Hochzeitstag noch nie gesehen.

Aber die junge Generation in Kabul (und in allen großen Städten, wurde mir berichtet) lernt sehr fleißig Englisch, so dass man jederzeit auf der Straße angesprochen wird. Wo die Älteren sich nicht trauen eine Ausländerin anzusprechen und ihr nicht mal in die Augen schauen, rufen provokant die Jüngere dafür frech in Englisch.

Kabul bleibt weiterhin extrem schmutzig und staubig, auch wenn ein paar Straßen asphaltiert wurden; dieses Mal habe ich die Stadt bei Regen kennen gelernt, wo in wenigen Minuten, Staub zu Matsch wird. Schwierig zu sagen, was besser ist! Für die Bevölkerung, hat sich nicht viel geändert, die Löhne sind immer noch beschämend (für die Regierung) niedrig, so niedrig, dass niemand damit leben kann. Mehrere Tätigkeiten müssen parallel ausgeübt werden, um überleben zu können, auch die des Diebes. Frauen sind nur selten an bezahlten Arbeitsstellen zu finden (dann als Lehrerinnen und Krankenschwestern).

Ich habe Afghanistan am kleinen und dreckigen Airport verlassen, die letzten Blicke auf erdige und staubige Landschaften, gelegentlich durch wurmartige grüne Täler durchbrochen, Dann den „No-man´s-land“, das „white-out“ der dicken Wolkenschicht. Nach ein paar Stunden öffnet sich der Himmel über grünen Wäldern und akkurat angeordneten Feldern. Das Flugzeug landet am Frankfurter Flughafen, gigantisch, clean und kühl in seiner Marmor gestalt.

Menschen bleiben Menschen, ob in Afghanistan oder Deutschland; sonst wäre ich fest überzeugt gewesen, ich hätte den Planeten oder die Zeitepoche gewechselt.

Pascale Goldenberg,
Mai 2006

Pascale Goldenberg ( 17 ) am 26. Mai, 2006

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