Aus Afghanistan zurück – Stickprojekt in Laghmani
Ein Reisebericht von Pascale Goldenberg (2005)
Ob ich verreise oder nicht
Ich muss schon mit dem Anfang beginnen, weil ich, bevor ich dorthin konnte, mich durchsetzen mußte. Da mein Reisepass aus dem Konsulat in Bonn nicht zurückkam, meldete ich mich telefonisch; so erfuhr ich, dass der Konsul keine Lust hatte, mich (womöglich, weil alleine) verreisen zu lassen. Dadurch sahen meine Kollegen aus der DAI (Deutsch Afghanische Initiative e.V. aus Freiburg) eine potentielle Gefahr und rieten mir das Verreisen auch streng ab und dafür, meine Pläne um einige Monate zu verschieben. Diese Lösung wäre – zwischen Gert und meinen Jahresplänen- kaum zu organisieren gewesen und auf alle Fälle dieses Jahr nicht mehr möglich. Bei der Vorstandsitzung verprach ich hoch und heilig, mich den afghanischen Sitten unterzuwerfen, keine Provokation überhaupt zu wagen; daraufhin wurde durch die DAI Druck in Bonn gemacht und nach Wochen des Wartens kam mein Visum an (am Donnerstag, an dem Tag, an dem Clementina, die entführte Italienerin, befreit wurde) und ich konnte am Sonntag, knapp 3 Tage später, abfliegen.
Es war mir sehr wichtig geworden, dorthin nach Laghmani zu reisen; nicht nur, dass ich das Stickprojekt vor 2 Jahren initiert hatte, das halbe Jahr Vorbereitungen kam dazu, sowie der Einsatz der vielen netten Menschen, die mitgewirkt hatten. Ich spürte, dass die Zeit gekommen war, die Frauen kennenzulernen und auch meine Vision mit der dortigen Realität zu prüfen. Meine positive (naive?) Einstellung zu möglichen Gefahren konnte keinen Platz für solchen Zweifeln lassen.
Ein wenig Vorgeschichte
Laghmani ist ein Dorf ca. 70 km nördlich von Kabul gelegen. In den Jahren 2003 und 2004 organisierte die DAI im Rahmen eines „Frauenzentrums“ Schneiderkurse sowie Alphabetisationskurse für ca. 100 Witwen, die jeweils 6 Monate lang dieses Angebot wahrnehmen konnten. Zum Abschluss bekam jede Teilnehmerin eine Nähmaschine ausgehändigt, damit die Frauen – so die Überlegung der DAI – mit ihrem neu erworbenen Können, Auftragsarbeiten annehmen und so finanziell unabhängig werden können.
In den letzten 6 Monaten dieses zweijährigen Projektes konnte durch meine Initiative ein zusätzliches Angebot geschaffen werden, die Wiederbelebung des Handstickens. Hierfür wurde über die DAI eine Sticklehrerin eingestellt, um den Frauen eine im Prinzip in Afghanistan sehr traditionnelle Textiltechnik wieder beizubringen. Bei der Anwendung der verschiedenen Sticktechniken, die die Frauen in Laghmani wiedererlernen konnten, entwarfen sie selbst die Muster, die schon auf einer traditionellen Basis beruhen. Von meiner Seite gab es ein paar Vorgaben: es sollten 8 x 8 cm große Quadrate vollflächig und mit dem gelieferten Material (Stoffe und Garne aus Deutschland) gestickt werden. Ab Sommer 2004 wurden die hergestellten Quadrate den Frauen von Laghmani abgekauft und gelangten nach und nach nach Freiburg. Meine Überlegung, die ich auch sofort umsetzte, war es, eine Art Patchwork mit traditionellen Mustern zu gestalten, wobei Stickerei und Patchworktechniken sich ergänzen. Dabei können die bestickten Quadrate hervorragend als Blickpunkte eingesetzt werden. Das Ergebnis sind symbolisch wirkungsvolle Patchworkstücke, bei denen nicht nur 2 Techniken miteinander kombiniert sondern vor allem 2 Kulturen miteinander verbunden werden. Die ersten Patchworkstücke (aus Respekt vor der Armut der Frauen ausschließlich mit Stoffresten ausgearbeitet) waren überzeugend. Es sind Decken, Buchhüllen, Kissen, Taschen u.v.m. entstanden, die Dank der tatkräftigen und unermüdlichen Unterstützung durch meine Freundinnen aus Freiburg genäht worden sind und nun als Muster bzw. Anregung dienen sollen.
Textile in Afghanistan
Afghanistan hat eine sehr reiche Textil-Kultur. Es wird geknüpft, gestrickt und gefilzt. Neben einer ausgeprägten Sticktradition findet man verschiedene Patchworkarten, teilweise wie wir sie kennen aber auch eine Kombination von Patchwork mit bestickten Bändern. Das hatte ich in der Fachliteratur erfahren; sie zeigt wie vielfältig und reich die Stickerei und das Patchwork ausgeübt wurden. Ich konnte dies am Ort feststellen, d.h. direkt in Kabul, in den zahlreichen kleinen Boutiquen des Bazars, die allerdings nur von Ausländern besucht werden. Die Farbkombination der Garne und der Stoffe, die Perfektion beim Ausführen der Techniken aber wiederum die Improvisation, die immer wieder present ist, die Motive, das alles war für mich eine wahre Freude; leider hatte ich nur 2 Male die Gelegentheit, solch eine Fülle zu geniessen und entsprechend einzukaufen (ein wenig Besticktes, darunter einen türkmenischen Frauenmantel, sowie 3 traditionelle/antike Patchworks).
Wiederum erfuhr ich auf dem Land (in Laghmani), dass solchen Techniken nicht mehr ausgeübt werden. Diese Sticktechniken, werden –wie bei uns- nicht mehr für den täglichen Gebrauch gepflegt. Die Frauen haben keine Zeit mehr sie auszuüben. Wenn bei uns gepatcht oder bestickt wird, geht es um ein Hobby; dort können sich die Frauen kein Hobby leisten, sie wissen auch nicht, was das ist, sich eine Auszeit zu gönnen. Regelmässig brachten sie mir bestickte Produkte (Tischdecken, Tücher, Burka, Täschchen u.v.m.); ich fragte danach, weil ich gerne erfahren wollte, was sie mal bestickt hatten. Aber sehr bald ging es von ihrer Seite darum, mir ihre Sachen zum Verkauf anzubieten und das machte ich auch. So habe ich 2 ausgediente Burkas (Chadri wird dort gesagt, die Bezeichnung Burka ist hier bekannt, ist aber arabisch), sowie angefangene und nie fertiggenähte bzw. bestickte Stücke. Übrigens sind die Frauen vom Dorf niemals ohne Chadri unterwegs, auch nicht die jüngeren; über diese Chadri wäre vieles zu erzählen…
Die Frauen kennelernen
Bei dieser Reise nach Laghmani, ging es mir darum, in erster Stelle die Frauen dort endlich persönlich kennenzulernen, aber auch mit ihnen 2 Wochen Kurs zu erleben. Vorgesehen war es, den Frauen (die sich zur Hälfte aus jungen Mädchen und zur Hälfte aus erwachsenen Frauen zusammensetzen, von denen wiederum ca. die Hälfte Witwen sind), die sowohl nähen als auch Quadrate sticken können, technische Lösungen vorzuführen, wie sich die bestickten Quadrate mit Nähtechniken (Patchwork) ergänzen lassen, um daraus Produkte wie Kissen, Taschen und kleine Decken herzustellen. Dabei sollte ihnen geholfen werden, sich eine eigene Textilhandschrift anzueignen sowie ein kleines Verkaufsnetz im eigenen Land aufzubauen, um in vielleicht 3 bis 5 Jahren eine finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen.
Mittlerweile habe ich erfahren können, dass die Vision einer netten Europäerin nicht mit der Realität und dem Alltag dieser Frauen zu vereinbaren ist. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, ans Überleben für den nächsten Tag zu denken. Dies macht es nahezu unmöglich, ohne eine konkrete und dauerhafte Betreuung und Unterstützung vor Ort ein größeres Unternehmen für die Zukunft daraus zu entwickeln. Sie müssten auch einen richtigen Teamgeist entwickeln, aber und obwohl sie sich alle kennen (sie sind alle miteinander verwandt) sind sie ziemlich individualistisch orientiert. Dazu fehlt ihnen u.a. die Möglichkeit, sauber genug zu nähen, da z.B. die Spannung der verbreiteten chinesischen Nähmaschinenmodelle grundsätzlich verrückt spielt und auch das Bügeln mit dem Glutbügeleisen sehr mühsam ist. Zum großen Teil dürfen die Frauen ihr Dorf oder auch ihr Haus gar nicht verlassen (7 Frauen, die sticken, durften nicht mal aus dem Haus, um wenigstens bezahlt zu werden). Von über 30 Frauen war es nur zwei Frauen gestattet, selbstständig mit dem Taxi bis zur 15 km entfernten nächsten Kleinstadt zu fahren, wo die Fertigprodukte bei einer Frauenstelle zum Verkauf angeboten werden können (die 2 „freieren“ Frauen waren Jila, die noch nicht verheiratet ist, weil sie 3 Heiratsanträge abgelehnt hat, und Khaleda, die Witwe ist). Zu dieser Frauenstelle brachten wir unsere genähten Produkte (1 Koranhülle, ein Ustensilo, ein Beutel, eine kleine Decke sowie ein Kissen nach der ersten Woche, dann nochmal 3 Koran-Buchhüllen, 2 kleine Decken, eine mittelgroße Decke am Ende der zweiten Woche), wo prompt auch das erste Stück angekauft wurde. Ein kleiner Erfolg sicherlich, der aber nicht überzeugend genug ist, um den Frauen die nötige Energie zu verleihen.
Und ich dachte naiverweise, dass es für sie sehr spannend sein könnte, Produkte zu entwerfen, dabei die Techniken auszutüfteln sowie das Verkaufnetz aufzubauen!
Das Sticken selbst
Die bestickten Quadrate, die bis jetzt abgeliefert wurden, waren mit wenigen Ausnahmen mit einer einzigen Farbe angefertigt. Manche Arbeiten wirkten dadurch langweilig, da sie keinerlei Spannung ausstrahlten. So leerte ich am ersten Tag im Kursraum einen Sack voll Stickgarne in allerlei Farben aus. Die Frauen bekamen die Aufgabe, fünf verschiedene Farben auszuwählen, die nach ihrem Geschmack zusammenpassen. So stellten sie mit viel Vergnügen Serien zusammen. Ausnahmlos waren die Serien geglückt, so dass ich wirklich sagen kann, dass die Frauen ein sehr gutes Gefühl für Farben haben.
Ich bat sie darum, von nun an drei bis fünf verschiedene Farben pro Quadrat zu verwenden, was auch bedeutet, mit den Farben auf der Fläche zu spielen und die Flächen frei zu gestalten. Die Quadrate, die nach dieser neuen Vorgabe bestickt worden sind, zeigen ein hohes Potential an Individualität; viele Frauen haben ihre persönliche Handschrifft gefunden (innerhalb einer fundierten und kollektiven Tradition), was ich als sehr wertvoll erachte.
Dies ist keine selbsverständliche Sache, wenn man weißt, wie es in Europa mit der Stickerei zuging und größtenteils immer noch ist: Jahrhunderte haben Frauen ausschließlich unter strengen Anleitungen, g.g. Unterlagen und Mustern bestickt, durften und konnten „keinen Stich daneben wagen“. Improvisation ist ein fremdes Wort in diesem Bereich.
In Afghanistan, genauer gesagt in Kabul, habe ich in den 3 Wochen viele bestickten Arbeiten gesehen (im Rahmen verschiedener Frauenprojekte, in denen auch gestickt wird), Meisterwerke in Sache Technik zwar, bei denen jedoch die Frauen jahrelang das selbe Muster endlos wiederholen. Ich finde es nicht erstrebenswert, solche Serienarbeit zu fördern. Ganz im Gegensatz dazu zeigen die ersten frei gestalteten Quadrate der Kursteilnehmerinnen, auch wenn sie technisch noch nicht perfekt sind, gelungene Improvisationen, die wie kleine Bilder betrachtet werden können; dadurch unterscheidet sich dieses Projekt grundsächlich von anderen.
Ich denke, man kann diese Stickweise sogar als eine Art Therapie betrachten, bei der die Frauen für ein paar Stunden die Chance erhalten, sich frei mit den Farben und mit sich selbst zu beschäftigen. Diese Beschäftigung hat auch etwas Meditatives, wobei die Stickerin in ihr Bild eintaucht und den Alltag für eine kleine Weile vergessen kann.
Also scheint das Sticken selbst sich sehr gut zu entwickeln, wenn auch in der technischen Ausführung noch Fortschritte gemacht werden müssen. Dies ist als positiver Punkt zu erkennen, da es bei meinen Gedanken auch darum geht, diese alten Techniken wiederzu- beleben, bzw. nicht zu verlieren. Um dem Wunsch einiger Frauen entgegenzukommen, die trotzdem gerne Serie sticken (in einem Farbton mit geometrischen, strengen und leicht abweichenden Mustern) und um das Verkaufsprogramm in Deuschland so breit wie möglich zu gestalten, ist es denkbar, dass mit verschiedenen Stickarten nebeneinander produziert wird: einzelne und charaktervoll bestickte Quadrate (die sogenannten Improvisationen oder kleinen Bilder), kleine Serien mit 4 bis 6 Quadraten sowie größere Serien von einem Muster.
Die Quadrate werden wiederum einzeln oder in kleinen Serien zum Verkauf angeboten. Viele Quadrate wurden bereits angekauft, und ich würde gerne Bilder von fertiggestellten Werken sammeln, um daraus eine Mappe zusammenzustellen. Ich fange auch eine Art Katalog an, wo die gelungensten Quadrate gesammelt werden; man kann sich vorstellen, dass sie für zukunftige Bestellungen dienen könnten. Es sieht so aus, dass ich zunächst die bestickten Quadrate doch weiterhin einkaufen werde, um sie in Deutschland zu vermarkten, bis andere Konzepte für die Entwicklung vor Ort gefunden werden. Da ist Marketing-Fantasie angefragt, und Ideen habe ich auch: im Herbst zum Beispiel werde ich die Ausschreibung zur Koffer-Textilarbeiten-Ausstellung „Von Frauen für Frauen“ ankündigen, bei der mindestens ein besticktes Quadrat in jedem Stück verarbeitet werden muss. Ich erhoffe mir daraus, unsere 2 Kulturen aufeinander zukommenzulassen.
Die Mittagpausen
Die Mittagspausen wurden von den Teilnehmerinnen immer sehnsüchtig erwartet, und die Frauen wollten die Pause nur sehr ungern um eine halbe Stunde verschieben, um einen Arbeitsgang abzuschließen. Wir hatten eine Köchin eingestellt; ich habe einige Bilder von verschiedenen Küchen gemacht, um zu zeigen, wie eine Küche dort aussieht. Diese Auszeit gab uns die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Gespräche zu führen. Jeden Tag kam ein anderes Thema dran, wie z.B.:
Was wünschen die Mütter für ihre Kinder in der Zukunft?
Was wünschen die Mädchen für sich selbst in der Zukunft?
Können und wollen die Witwen nochmals heiraten?
Wollen die Mütter noch viele Kinder, wieviele noch und warum; entscheidet der Mann allein oder haben sie dabei auch mitzureden?
Wir fragten auch, wie oft sie mit ihrem Mann schlafen, ob er sanft und zärtlich ist oder auch manchmal grob und gewalttätig.
Wir sprachen über Verhüttungsmittel für die Frau und auch für den Mann. Dabei wurde u.a. erzählt, dass die Verwendung von Kondomen bei den Männern Rückenschmerzen verursachen soll! Genauso fragten uns die Frauen, wie es in unserer Ehe abläuft.
Gert hatte die sehr gute Idee gehabt, dass ich ein Bild von unseren Kindern mitnehme; so konnte ich die 4 Söhne, wie Orgelpfeife eingereiht vorstellen. Durch lang anhaltende Kommentare drückten die Frauen ihre Begeisterung aus; doch plötzlich fragten sie, warum ich aufgehört hätte, wo ich noch keine Töchter habe und hatten auf ein Mal Mitleid mit mir. In Laghmani lebt eine Familie mit 14 Töchtern, weil der Mann sich noch einen Sohn wünscht…
Weeda, die Übersetzerin
Dank Christine aus Freiburg, lernte ich ersmal Weeda´s Familie kennen. Weeda, ihr Mann Wali sowie die 2 kleine Kinder, 3 und 5 Jahre alt leben in Kabul seit dem 1. Mai 2005 wieder, nachdem sie jahrelang in München zu Hause waren (eben nicht richtig zu Hause). Sie versuchen ein neues Leben aufzubauen; Wali ist Techniker in der Orthopädiebranche (er stellt Prothesen her), Weeda hat eine Ausbildung als Frisörin in Kabul angefangen. So kam es, dass sie als Übersetzerin für die Zeit des Projektes fungieren konnte. Sie ist 20 Jahre jünger als ich, doch, wir machten ein wunderbares Team zusammen, auch wenn es für sie -mehr als für mich- teilweise sehr anstrengend war. Die afghanischen Frauen sprechen soviel und kommentieren ohne Ende!
Da Weeda bei den Frauen sehr herzlich angenommen worden ist, kamen wir selbstverständlich dazu, dass sie in Zukunft die Frauen direkt, von Frau zu Frau, bezahlen sollte. Bis jetzt hatten 2 Männer diese Aufgabe übernommen, sie durften teilweise die Frauen nicht direkt sehen, was das Bezahlen sehr verkomplizierte. So werden wir bei der DAI, Weeda einstellen, dies scheint mir die Lösung par excellence zu sein.
Weeda kann auch den Kontakt pflegen; Die Kommunikation, soll als wichtiger Bestandteil des Projektes betrachtet werden; dadurch werden nicht nur Quadrate angekauft, sondern sollen zwei Gemeinschaften (Weeda aus der Stadt, die auch in Europa gelebt hat, und die Frauen aus dem Land) sich regelmäßig treffen, welche sehr viel austauschen und voneinander bekommen können.)
À propos Geld
Da die Frage immer wieder direkt oder indirekt auftaucht, wer diese Reise bezahlt hat, äußere ich mich dazu: Flug, Visum sowie Unterkunft und persönnliche Fahrtkosten in Kabul + Provinz habe ich selbst übernommen (es steht in den Satzungen des Vereins, dass jeder, der für ein Projekt arbeitet, es ehrenamtlich tut, sowie für eine eventuelle Reise nach Afghanistan, selbst für die Kosten aufkommt).
Die Kosten für´s Projekt, d.h.: für den Fahrer (mit Auto + Benzin), die Übersetzerin, die Miete des Raumes, sowie Lohn für die Köchin samt Lebensmittel (samt Holz, ein sehr großer Posten), sowie die Druckkosten für das Lehrheft hat die DAI übernommen
Und wie es mir ging
In Kabul war ich in der Familie von Nasir untergebracht, der selbst in Freiburg lebt, es ist eine 7 köpfige Familie, Vater und Mutter sowie 5 Erwachsene Kinder (18 bis 24 Jahre alt). Mit dem Vater sowie den 3 Frauen -die Mutter und die 2 Töchtern- konnte ich nicht direkt sprechen, da sie kein Englisch können; dagegen ging es gut (so weit mein Englisch es zuließ) mit den Söhnen; da sie viel zu Hause waren und Khaled, der Älteste, sowieso der Fahrer war, hat sich die Kommunikation nicht als ein Problem gestellt. Mit den Frauen konnte ich mich ohnehin viel mit dem Zeigen und ohne Worte austauschen, auch Farsi-Wörte nachsprechen üben; ich habe nur sehr gelegentlich im Haushalt mitwirken können/wollen (z.B. habe ich nie gedacht: „heute koche ich für euch etwas Französisches!“). Ich habe darauf bestanden, meine eigene Wäsche zu waschen (d.h. Wasser am Brunnen pumpen, eventuell auf dem Ofen im Hof heiß machen), was für sie merkwürdig erschien. Da ich es nicht zugelassen habe, dass sie es anpacken, so haben sie mir zugeschaut bei der täglichen Waschaktion!
Großes Glück, ich hatte ein Zimmer für mich alleine (Zimmer von den älteren Söhnen, die Platz gemacht haben); so in der Zeit meiner Anwesenheit hat die gesamte Familie im Wohnzimmer geschlaffen. Da wurde auch gegessen, direkt auf dem Boden auf einem Wachstuch, das ausgebreitet wurde. Stühle gibt es sowieso nicht, man sitzt grundsätzlich auf dem Boden auf solchen Matten, die auch zum Schlafen dienen. Ich habe also 3 Wochen lang nur auf dem Boden gesessen (auch beim Kurs) und mich zu wenig bewegt; ich merkte erst wieder zu Hause, wie ich Muskel abgebaut hatte.
In dem Rahmen der Familie sowie in Laghmani habe ich mich sehr wohl gefühlt. Der andere Rhythmus als in Freiburg machte mir nichts aus, ich hatte sogar den Eindruck, dass ich mir in einer gewissen Art und Weise das afghanische Verhalten aneignete, das wäre z.B.: ein Gespräch aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer neu diskutieren, was so viel heißt wie nie zu Ende bringen, das Treffen von Entscheidungen auf morgen oder übermorgen verschieben, etwas anfangen aber erstmal nicht fertigbringen, die Auszeiten einfach genießen (was ich sonst in Freiburg mir nie gönne!).
Die afghanischen Männer sind sehr nett und charmant, doch ihre Art, mit den Frauen (Frau, Mutter und Töchtern, Schwestern) umzugehen, hat mich mehr als ein Mal irritiert. Endlich zum Schluß konnte ich mir erlauben mit den Söhnen darüber zu sprechen, doch, sie konnten nicht verstehen, was ich dabei meinte; so ist es scheinbar in der Islam-Welt: die Frauen sind grundsätzlich da, um die Männer zu bedienen. Die Frauen finden es ganz selbstverständlich und es käme nie in Frage, ein Wort dagegen zu äußern.
Nach 3 Wochen hatte ich selbstverständlich Lust wieder nach Hause aber ich hatte genau so viel Lust, dort noch ein paar Wochen zu bleiben; gerne hätte ich auch andere Afghanen kennenlernen, diejeniege, die es für die Zukunft anpacken und dafür arbeiten, dass Jahrzehnte Schrecken und Lahmlegung nachgeholt werden; es sind Afghanen, die dort zurückgeblieben waren und diejenigen, wie Weeda´s Familie, die zurückgekommen sind. Ich konnte das enorme Potential an Vitalität und Eigeninitiative spüren. Dagegen hatte ich den Eindruck, dass in Laghmani mindestens 3 Generationen benötigt werden, damit das Leben –für die Frauen- an freie Entscheidungen und Selbstbestimmungen gewonnen hat. Mir ist es sehr schwer gefallen, mich von den Frauen zu verabschieden, es war – so zu sagen – sie wie im Stich zu lassen.
Pascale Goldenberg
Juli 2005
Pascale Goldenberg ( 18 ) am 1. Januar, 2006
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